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4. Dezember 2017

Auf dem Weg in die Rating-Gesellschaft? Scoring und Profilbildung im Alltag

„Wir führen hier eine Wertediskussion“, sagte SVRV-Mitglied Prof. Dr. Gerd Gigerenzer in der Diskussion während einer Veranstaltung mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Berliner Kino „Alhambra“ am 24. November. Scoring-Verfahren, wie beispielsweise für die Prüfung von Kreditwürdigkeit würden die Gesellschaft in den kommenden Jahren viel stärker prägen, als den meisten Menschen heute bewusst sei. Daher werde der SVRV im Herbst 2018 ein Gutachten zum Verbraucher-Scoring vorlegen. Sein Ratskollege Prof. Dr. Gert G. Wagner kündigte an, dass die Ergebnisse einer Befragung unter den knapp 100 Veranstaltungsteilnehmern nicht nur für die weitere Diskussion im SVRV wichtig seien. Die Antworten der Teilnehmer werden auch in die Ausgestaltung einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zum Scoring-Thema Anfang kommenden Jahres eingehen.

Der SVRV hatte gezielt verschiedene Bevölkerungsgruppen in ein Kino eingeladen: Senioren, Berufstätige, Studierende und Schüler. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten nach der Einführung ins Thema durch Ratsmitglied Gerd Gigerenzer mit der Episode „Abgestürzt“ der britischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ einen besonderen Impuls. „Abgestürzt“ zeigt eine Welt, in der sich die Menschen ständig gegenseitig mit Hilfe einer Gesichtserkennung auf dem Smartphone bewerten und ihr sozialer wie materieller Status vom Ergebnis dieses Wettlaufs um eine gute Punktzahl abhängt, der – wie im Film – rasch im Gefängnis enden kann.

Vor und nach der Filmvorführung hatten die Gäste die Gelegenheit, jeweils einen Fragebogen zum zunehmenden Rating („Profilbildung“) – beispielsweise bei verhaltensbasierten Tarifen bei Kranken- oder Kfz-Versicherungen – auszufüllen. Diese Befragung bildete zugleich einen „Pre-Test“ für die kommende repräsentative Bevölkerungsbefragung.

Dem filmischen Blick in die fiktive Zukunft folgte eine Diskussion zu den Veränderungen in der realen Gesellschaft, die durch Vermessung und Klassifizierung von Personen und Organisationen ausgelöst werden. Als Gast konnte der SVRV hierzu den Autor des 2017 erschienenen Buches „Das metrische Wir“, Prof. Dr. Steffen Mau (Humboldt-Universität zu Berlin) gewinnen. Er konstatierte eine weithin unbemerkte Verschiebung des Wertesystems in der Gesellschaft.

„Wollen wir eine solche Gesellschaft oder nicht?“, fragte Gerd Gigerenzer in seinem Diskussionsbeitrag. Sein Fazit: Bereits heute seien viele Menschen abhängig von den „Likes“ anderer. Gerade Angehörige der jüngeren, stark vernetzten Generation fragten ängstlich: „Wie wirke ich auf andere?“.

Gert Wagner erinnerte daran, dass die modernen Scoring-Verfahren nicht grundsätzlich neu sind, aber heutzutage könnte Scoring weit umfassender eingesetzt werden als vor 100 Jahren. Bereits damals bestimmten Merkmale, wie z. B. das Vermögen, darüber, ob eine Person kreditwürdig gewesen ist. Auch Lebensversicherungen „scoren“ seit Jahrzehnten nach Geschlecht und Gesundheit. Und die Kfz-Haftpflicht rankt ihre Versicherten sehr differenziert und verlangt je nach Rang mehr oder weniger Prämien. Gegenwärtig erfolgt der Einstieg in eine umfassende gegenseitige Bewertung aufgrund der technischen Möglichkeiten eher spielerisch, auf freiwilliger Basis. Es bestehe aber die Möglichkeit, dass sich daraus faktisch eine soziale Pflicht entwickle, die zu unbeabsichtigten negativen Konsequenzen – wie sie der Film gezeigt hat – führen könnte. Das gegenseitige „Scoren“ könne gefährlich werden ohne dass es dazu eines staatlichen Zwangs bedürfe, wie er in China bereits drohe.

 

 

Vor dem Hintergrund der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sehen es die Sachverständigen als ihre Aufgabe an, im Rahmen des Gutachtens „Verbraucher-Scoring“ Licht in das Dunkel des Scorings zu bringen, die Öffentlichkeit aufzuklären und Handlungsempfehlungen für die Politik zu entwickeln. Es gehe darum, ein „Hineinrutschen“ in ein System der obligatorischen Punktevergabe zu vermeiden – sei es durch sozialen oder durch staatlichen Zwang.

In etlichen Gesprächen wurde am Ende der Veranstaltung deutlich, dass dieser kommunikative Ansatz ein erfolgreich verlaufener Versuch war, die Öffentlichkeit mit neuen Formaten in den Prozess der Erkenntnisgewinnung einzubeziehen.

Die Veröffentlichung von ersten Ergebnissen der Veranstaltung am 24. November ist für das erste Quartal 2018 vorgesehen; die Präsentation der Erkenntnisse aus der repräsentativen Bevölkerungsbefragung soll im Mai 2018 folgen. Das Gutachten „Verbraucher-Scoring“ wird im Herbst 2018 dem Bundesverbraucherministerium übergeben werden.