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7. Februar 2020

„Corporate Digital Responsibility“ in der wissenschaftlichen Diskussion

Die zunehmend intensivere Digitalisierung aller Lebensbereiche stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen, die ihr Verhältnis zur Gesellschaft betreffen. Einerseits bietet die Digitalisierung neue Handlungspotentiale, um gesellschaftlicher Verantwortung nachzukommen. So können Unternehmen durch den Einsatz digitaler Werkzeuge beispielsweise die Nachhaltigkeitsziele effektiver verfolgen. In den Bereichen der Ökologie, des Arbeitnehmerschutzes und der Achtung der Menschenrechte in globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten können sie durch digitale Mittel tatkräftiger agieren. Andererseits schafft die Digitalisierung neue Sachbereiche, in denen Unternehmen gehalten sind gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Aspekte des Datenschutzes, der Datensicherheit und der Datenethik beispielsweise drängen unter den Bedingungen ubiquitärer und extrem leistungsfähiger Datenverarbeitungssysteme in das Aufmerksamkeitsfeld von Unternehmen, die sich auf die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung einlassen (müssen).

Unter dem Begriff der „Corporate Digital Responsibility“ (CDR) hat ein Diskurs über diesen Teilbereich der gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme von Unternehmen begonnen. Für den 30. Januar 2020 hatten der unabhängige Sachverständigenrats für Verbrauerfragen und der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft zu einem Forum zu dem Thema CDR eingeladen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Verbraucherwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre kamen zusammen, um mit Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen und Verbänden das Konzept CDR zu diskutieren. Durch den Tag führte Professorin Dr. Barbara E. Weißenberger.

Nachdem Pamela Wille aus dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz die dort betriebene CDR-Initiative dem Publikum vorgestellt hatte, präsentierte der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, Professor Dr. Peter Kenning, die Konzepte des Rates, sich dem Thema CDR im Rahmen seines Auftrags zur evidenzbasierten wissenschaftlichen Politikberatung eigenständig zu widmen. Erste Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Befassung des Sachverständigenrats mit dem Thema CDR stellte Dr. Ingo Schoenheit von der imug Beratungsgesellschaft vor. Im Auftrag des Sachverständigenrats und in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit ihm hat imug im vergangenen Jahr Einstellungen und Wissen der deutschen Bevölkerung zum Thema CDR durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung ermittelt. Weil „Corporate Digital Responsibility“ nur Expertinnen und Experten ein Begriff ist, waren die Befragten aufgefordert, zu Fragen aus dem Themenfeld der Digitalisierung Stellung zu nehmen, die eine Operationalisierung des Konstrukts CDR ermöglichen sollen.

Dieser „Annäherung an das Konstrukt CDR“ widmete sich auch Professor Dr. Peter Walgenbach, der Vorsitzende des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, in seinem Vortrag. Dieser kontextualisierte die Corporate Digital Responsibility, indem er sie neben die vielfältigen und disparaten Bereiche stellte, für die Unternehmen nach ihrer Selbstbeschreibung Verantwortung übernehmen: nicht nur ihre Shareholder, sondern beispielsweise auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihren Kundenkreis, die Umwelt, politische Institutionen oder das Gemeinwesen. Vor dem Hintergrund dieses Verantwortungspanoramas und der Beobachtung einer zunehmenden Ähnlichkeit der gesellschaftlichen Bedeutung von Unternehmensverantwortung in Deutschland, Großbritannien und den USA konturierte Peter Walenbach Merkmale und Zwecke der digital verantwortungsvollen Unternehmensführung.

Abgeschlossen wurde das CDR-Forum mit einer Podiumsdiskussion über Chancen und Risiken der Corporate Digital Responsibility. Moderiert von der stellvertretenden Vorsitzenden des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, Professorin Dr. Louisa Specht-Riemenschneider, diskutierten Dr. Anna Beckers, Rechtswissenschaftlerin und Assistenzprofessorin an der Universität Maastricht, Uwe Bergmann, Head of Sustainability Management bei Henkel AG & Co. KGaA, Susanne Dehmel, Mitglied der Geschäftsleitung von Bitkom e.V. und Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen und Jörn Wittmann, Geschäftsführer des Vereins Selbstregulierung Informationswirtschaft e.V. Anknüpfend an das bekanntere und durch die unternehmerische (Berichts-)Praxis in seinen Konturen geschärfte Konzept der Corporate Social Responsibility standen im Zentrum der Diskussion Fragen des Neuheitswerts, der systematischen Verortung und der analytischen Kraft des Konzepts CDR sowie der richtigen Regulierungsstrategie und die Zielkonflikte, denen sich jeder Regulierungsvorschlag in diesem Bereich stellen muss.