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25. Februar 2022

Online-Veranstaltung des SVRV zum „Für und Wider einer Versicherungspflicht gegen Elementarschäden“

Vor dem Hintergrund der Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 sowie unter dem unmittelbaren Eindruck schwerer Winterstürme in der vorangegangenen Woche stellte SVRV-Mitglied Prof. Gert G. Wagner einen Policy Brief zur Versicherungspflicht von Wohngebäuden gegen Naturgefahren vor rund 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Diskussion. Das Gutachten wurde gemeinsam mit einem begleitenden Rechtsgutachten des Verfassungsrechtlers Thorsten Kingreen von der Universität Regensburg zur Verfassungsmäßigkeit einer solchen Versicherungspflicht zu Beginn der Veranstaltung an Dr. Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, übergeben.

In ihrem Grußwort dankte Christiane Rohleder dem SVRV dafür, mit der Studie die Debatte zur richtigen Zeit mit Daten, Fakten und einem eigenen Vorschlag zu bereichern. In seinem Vortrag „Eine Versicherungspflicht gegen Elementarschäden und deren Akzeptanz“ hob Gert Wagner im Anschluss hervor, dass Schäden durch Extremwetterereignisse eine volkswirtschaftlich relevante Dimension angenommen hätten und dass eine freiwillige Naturgefahrenversicherung nicht zu einer flächendeckenden Versicherung von Wohngebäuden gegen Naturgefahren führen würde. Grund dafür sei u. a. das moderate Vertrauen, das Verbraucherinnen und Verbraucher Versicherern entgegenbringen.

Dass jedoch „Ohne Vertrauen kein freiwilliger Versicherungsabschluss“ erfolge, führte Prof. Hanna Schramm-Klein in ihrem Vortrag aus. Dabei handele es sich gerade bei einer Wohngebäude-Naturgefahrenversicherung um ein Produkt, das ein besonderes Vertrauen zwischen Versicherern und (potenziell) Versicherten voraussetze. Der Aufbau von Erfahrungs- und Reputationsvertrauen, den beiden relevanten Dimensionen des Vertrauens in Unternehmen, sei jedoch ein langwieriger Prozess.

Jörg Asmussen (GDV) und Lars Gatschke (vzbv) plädierten dennoch dafür, eine Wohngebäude-Naturgefahrenversicherung nicht bzw. nicht sofort zur Pflicht zu machen. Erreicht werden solle eine signifikante Steigerung der Versicherungsdichte vielmehr über eine Anpassung der Verträge von Neu- und Bestandskund:innen . Das Reformmodell des vzbv sieht darüber hinaus vor, weitaus mehr Naturgefahren im Rahmen einer „Allgefahrenversicherung“ zu versichern und die freiwillige Lösung in eine Pflicht zu überführen, falls zwei Jahre nach Einführung der Allgefahrenversicherung eine Versicherungsdichte von 80 Prozent nicht erreicht werden würde.

An verfassungsrechtlichen Bedenken müsse die Einführung einer Versicherungspflicht gegen Naturgefahren jedenfalls nicht scheitern, so der Verfassungsrechtler Prof. Thorsten Kingreen (Universität Regensburg) in seinem Vortrag „Vereinbarkeit einer Versicherungspflicht gegen Elementarschäden an Wohngebäuden mit europäischem Unionsrecht und deutschem Verfassungsrecht“. Thorsten Kingreen hatte sich im Auftrag des SVRV mit dem SVRV-Reformmodell für eine Versicherungspflicht gegen Naturgefahren auseinandergesetzt.

Anlass für die Veranstaltung war, neben den in jüngster Vergangenheit aufgetretenen Extremwetterereignissen, die sich generell verdichtende Erkenntnis, dass Extremwetterereignisse wie Starkregen, Sturm und Hagel grundsätzlich überall in Deutschland auftreten können und mit dem Fortschreiten des Klimawandels zunehmen werden. Der Vortrag von Dr. Tanja Winterrath (Deutscher Wetterdienst) mit dem Titel „Starkregen kann überall auftreten“ untermauerte diese Erkenntnis mit aktuellen Ergebnissen aus der Klimaforschung im Bereich Starkregen.  

Gegen neue und sich verschärfende Gefahren muss neben einer Versicherung des eigenen Wohngebäudes darüber hinaus verstärkt in individuelle Vorsorge und ein verbessertes Hochwasserrisikomanagement investiert werden. Dass sich beides nicht ausschließt, unterstrich Dr. Daniel Osberghaus in seinem Vortrag „Moral Hazard? Versicherung und Vorsicht schließen sich nicht aus“. Unter anderem die Ausgestaltung eines Versicherungsschutzes mit hohem Selbstbehalt, so wie der SVRV es vorschlägt, könne sogar einen Anreiz für Vorsorge trotz Versicherung setzen und damit das Auftreten eines Moral-Hazard-Problems vermeiden. Alle Vortragenden standen für eine rege Diskussion mit dem Publikum der Veranstaltung zur Verfügung. Hanna Gersmann, Journalistin und Moderatorin der Veranstaltung, erkundigte sich zum Abschluss der Veranstaltung nach einer zusammenfassenden Einschätzung der zahlreichen Impulse der Vortragenden und des Publikums bei SVRV-Mitglied Gert Wagner. Er wünschte sich, die Bundesregierung möge den Rahmen des geplanten Klimaanpassungsgesetzes und damit die Gunst der Stunde nutzen, um den Schutz der Wohngebäude mit einer Naturgefahrenversicherung wirksam voranzutreiben.

Im Folgenden finden Sie weitere Informationen zur Veranstaltung sowie ausgewählte Präsentationen der Vortragenden: